From: Daniel K. [ed.] [info@honestly-concerned.org]
Sent: Montag, 3. Juni 2002 15:08
To: paulus.glaswinkler@onlinehome.de
Cc: info@honestly-concerned.org
Subject: AW: Bitte für ein Miteinander statt ein Gegeneinander

Sehr geehrter Herr Glaswinkler,

als Mitglied der HonestlyConcerned-Initiative möchte ich mich zunächst für Ihr Interesse an unseren Aktivitäten sehr herzlich im Namen aller Mitglieder bedanken. Die unübersehbare Mühe, welche Sie sich für Ihre Reaktions-Nachricht gemacht haben, verdient es zweifellos, dass wir Ihr Angebot zum friedlichen Aufeinanderzugehen annehmen. Daher möchte ich Ihnen gerne im Folgenden meine persönlichen Einschätzungen zu den von Ihnen angesprochenen Punkten darlegen. Diese Nachricht wird - ebenso wie die Ihrige - allen Abonnenten unserer Mailingliste zugeleitet, so dass die gesamte Initiative in unseren Dialog einbezogen ist. Dennoch lege ich Wert auf die ausdrückliche Feststellung, dass es sich bei den nachstehenden Ausführungen um meine persönlichen Ansichten handelt, die nicht notwendigerweise die Haltung der Mehrheit unserer Mitglieder und Abonnenten widerspiegelt.

Sie beginnen Ihr Schreiben mit der Feststellung, dass sich jüdische Organisationen in der Bundesrepublik nach der Shoah als moralisch legitimierte Institution für die Pflege des (schlechten?) Gewissens in Deutschland begreifen. Als exemplarischen Beleg dafür führen Sie den Artikel einer ausgewiesenen Einzelperson in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung an und weisen darauf hin, dass der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herr Dr. Friedmann, Geschäftsführer dieser Zeitung sei. Dieser Artikel setzt sich in journalistischem Stil mit der Frage auseinander, inwieweit der Erfolg populistischer Parteien in Europa Einfluss auf die Wahltaktik etablierter bundesdeutscher Parteien hat und zeigt dabei einige Beispiele dafür auf, wie quer durch die Parteienlandschaft mit Schlussstrichforderungen und Tabubrüchen in bezug auf den Umgang mit Israel und den Juden Sympathiepunkte gemacht werden sollen.

Sie führen dann weiter aus, dass Sie - gemeinsam mit vielen Ihrer Bekannten - eine Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs seitens einiger "Funktionäre des Zentralrates" wahrnehmen, um damit Kritik an Israel abzublocken sowie persönliche Animositäten auszutragen. Schließlich warnen Sie davor, dass diese Form des Beklagens von Antisemitismus "inflationär" zu werden drohe und somit zu einer Form der Ablehnung (wessen?) bei den Adressaten führe, die am Ende dazu angetan sei, den Antisemitismusvorwurf zu bestätigen.

Zusammenfassend verstehe ich Ihre Ausführungen nunmehr wie folgt:

Die selbsternannte Moralinstitution "Zentralrat & Co." lanciert in inflationärer Weise Antisemitismusvorwürfe, um damit das eigene wie auch das Profil Israels in der Deutschen Öffentlichkeit aufzuwerten. Dieses führt jedoch zu Formen der Ablehnung solcher Vorwürfe in der Deutschen Öffentlichkeit, die tatsächlich dazu angetan seien, als antisemitisch gewertet zu werden, was von der Moralinstitution wiederum als neue Munition für die zuerst genannte Vorgehensweise verwendet wird.

Damit dieser Mechanismus wirklich funktioniert, bedarf es jedoch einiger Voraussetzungen:

Fazit: die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland will nichts weiter, als integrativer Bestandteil der Deutschen Gesellschaft zu sein. Im Interesse der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen daher auch profilierte Persönlichkeiten des Jüdischen Lebens in Deutschland auf, wenn sie diese Grundordnung in Gefahr sehen. Sie benennen Antisemitismus als solchen, wo immer sie ihn wähnen - und zwar in den allermeisten Fällen zurecht. Wer immer ihnen dieses zur Last legt, um ihnen daraus den Vorwurf der verschworenen Instrumentalisierung zu machen, wird nicht erst durch die Äußerungen dieser Personen zum Antisemit - er ist es bereits vorher gewesen. Und schließlich: wer sich als Deutscher aufrichtig und konstruktiv mit seiner Rolle in der Kontinuität der Geschichte auseinandersetzt, hat mit Sicherheit so viel eigenes Gewissen dabei entwickelt, dass er auch im tiefsten Inneren nicht mehr davon abhängig ist, wie "Zentralrat & Co" über ihn denken.

Ich hoffe, Ihnen somit deutlich gemacht zu haben, auf welch dünnem Eis Ihre Ausführungen gründen und vor allem, auf welch bedenklichen Weg sie führen können. Dabei will ich ausdrücklich hinzufügen, dass ich Ihnen keinesfalls unlautere Absichten oder gar unterschwellig antisemitische Gesinnung unterstelle. Ich habe nur deshalb so ausführlich geantwortet, weil ich davon überzeugt bin, dass Sie eine ehrliche Antwort auf die Fragen suchen, die Sie und Ihre Bekannten umtreiben.

Mit besten Wünschen und freundlichen Grüßen


Dr. Daniel K. [ed.]