Sehr geehrter Herr Glaswinkler,
als Mitglied der HonestlyConcerned-Initiative möchte ich mich zunächst für Ihr Interesse an unseren Aktivitäten sehr herzlich im Namen aller Mitglieder bedanken. Die unübersehbare Mühe, welche Sie sich für Ihre Reaktions-Nachricht gemacht haben, verdient es zweifellos, dass wir Ihr Angebot zum friedlichen Aufeinanderzugehen annehmen. Daher möchte ich Ihnen gerne im Folgenden meine persönlichen Einschätzungen zu den von Ihnen angesprochenen Punkten darlegen. Diese Nachricht wird - ebenso wie die Ihrige - allen Abonnenten unserer Mailingliste zugeleitet, so dass die gesamte Initiative in unseren Dialog einbezogen ist. Dennoch lege ich Wert auf die ausdrückliche Feststellung, dass es sich bei den nachstehenden Ausführungen um meine persönlichen Ansichten handelt, die nicht notwendigerweise die Haltung der Mehrheit unserer Mitglieder und Abonnenten widerspiegelt.
Sie beginnen Ihr Schreiben mit der Feststellung, dass sich jüdische Organisationen in der Bundesrepublik nach der Shoah als moralisch legitimierte Institution für die Pflege des (schlechten?) Gewissens in Deutschland begreifen. Als exemplarischen Beleg dafür führen Sie den Artikel einer ausgewiesenen Einzelperson in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung an und weisen darauf hin, dass der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herr Dr. Friedmann, Geschäftsführer dieser Zeitung sei. Dieser Artikel setzt sich in journalistischem Stil mit der Frage auseinander, inwieweit der Erfolg populistischer Parteien in Europa Einfluss auf die Wahltaktik etablierter bundesdeutscher Parteien hat und zeigt dabei einige Beispiele dafür auf, wie quer durch die Parteienlandschaft mit Schlussstrichforderungen und Tabubrüchen in bezug auf den Umgang mit Israel und den Juden Sympathiepunkte gemacht werden sollen.
Sie führen dann weiter aus, dass Sie - gemeinsam mit vielen Ihrer Bekannten - eine Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs seitens einiger "Funktionäre des Zentralrates" wahrnehmen, um damit Kritik an Israel abzublocken sowie persönliche Animositäten auszutragen. Schließlich warnen Sie davor, dass diese Form des Beklagens von Antisemitismus "inflationär" zu werden drohe und somit zu einer Form der Ablehnung (wessen?) bei den Adressaten führe, die am Ende dazu angetan sei, den Antisemitismusvorwurf zu bestätigen.
Zusammenfassend verstehe ich Ihre Ausführungen nunmehr wie folgt:
Die selbsternannte Moralinstitution "Zentralrat & Co." lanciert in inflationärer Weise Antisemitismusvorwürfe, um damit das eigene wie auch das Profil Israels in der Deutschen Öffentlichkeit aufzuwerten. Dieses führt jedoch zu Formen der Ablehnung solcher Vorwürfe in der Deutschen Öffentlichkeit, die tatsächlich dazu angetan seien, als antisemitisch gewertet zu werden, was von der Moralinstitution wiederum als neue Munition für die zuerst genannte Vorgehensweise verwendet wird.
Damit dieser Mechanismus wirklich funktioniert, bedarf es jedoch einiger Voraussetzungen:
Antisemitismus liegt doch immer dann
vor, wenn die Behauptung, Juden hätten sich konspirativ gegen einzelne
Personen oder Gruppierungen verschworen, mit der Unterstellung einhergeht,
dass Juden qua Geburt so seien und daher genetisch bedingt gar nicht anders
könnten. Der Antisemit sieht sich also immer als Opfer einer angeborenen
Feindseligkeit seitens jüdischer Kreise. Und gerade eine solche Opferrolle
wird von Herrn Möllemann eingenommen, wenn er beständig behauptet, er lasse
sich nicht dafür beschimpfen, dass er Sharons Politik kritisiert - ganz so,
als hätte das jemals ein Vertreter jüdischer Institutionen getan. Die
unzweideutige Anspielung im Interview mit Beckmann, wo Möllemann fragte,
welche in Frankfurt ansässige Person denn wohl Interesse daran haben könne,
Möllemann und die FDP durch Zusendung rechtsradikaler Beiträge im
Internetforum zu diffamieren, setzt dem nur noch die Krone auf: ein Jude der
Antisemitismus beklagt ist der Täter - das Opfer ist der Antisemit, der zu
unrecht diffamiert wird (nachzulesen auch durch einen Klick auf die
Forumsseite in Möllemanns Homepage)! Ich kann mir, lieber Herr Glaswinkler,
nicht vorstellen, dass Sie eine solche Gesinnung teilen.
Die Realität spricht denn auch eine andere Sprache. Die Jüdischen Gemeinden sowie deren Dachverbände, Landesverbände und Zentralrat haben sich ebenso wie die vielen Wohltätigkeits- und Freundschaftsvereine seit je her um die konstruktive Wiederherstellung und Aufrechterhaltung einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bemüht - und zwar als bekennender Teil der demokratischen Gesellschaft in Deutschland. Trotz ihrer zahlenmäßigen Geringfügigkeit hat die jüdische Gemeinschaft auf vielfältige und spürbare Weise zur wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung der Bundesrepublik beigetragen und tut dies auch heute noch in ungebrochener Weise. Dieselbe FDP, die sich heute vorwerfen lassen muss, das wahltaktische Spiel mit dem antisemitischen Feuer in den eigenen Reihen hinzunehmen, hat noch vor wenigen Jahren ihr prominentes Mitglied, Ignatz Bubis, seinerzeit Zentralratspräsident, als Kandidat für die Bundespräsidentschaft vorgeschlagen. Wenn das nicht symbolhaft die Eingebundenheit der Jüdischen Organe in die Gesellschaft der Bundesrepublik dokumentiert, was sonst?
Fazit: die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland will nichts weiter, als integrativer Bestandteil der Deutschen Gesellschaft zu sein. Im Interesse der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen daher auch profilierte Persönlichkeiten des Jüdischen Lebens in Deutschland auf, wenn sie diese Grundordnung in Gefahr sehen. Sie benennen Antisemitismus als solchen, wo immer sie ihn wähnen - und zwar in den allermeisten Fällen zurecht. Wer immer ihnen dieses zur Last legt, um ihnen daraus den Vorwurf der verschworenen Instrumentalisierung zu machen, wird nicht erst durch die Äußerungen dieser Personen zum Antisemit - er ist es bereits vorher gewesen. Und schließlich: wer sich als Deutscher aufrichtig und konstruktiv mit seiner Rolle in der Kontinuität der Geschichte auseinandersetzt, hat mit Sicherheit so viel eigenes Gewissen dabei entwickelt, dass er auch im tiefsten Inneren nicht mehr davon abhängig ist, wie "Zentralrat & Co" über ihn denken.
Ich hoffe, Ihnen somit deutlich gemacht zu haben, auf welch dünnem Eis Ihre Ausführungen gründen und vor allem, auf welch bedenklichen Weg sie führen können. Dabei will ich ausdrücklich hinzufügen, dass ich Ihnen keinesfalls unlautere Absichten oder gar unterschwellig antisemitische Gesinnung unterstelle. Ich habe nur deshalb so ausführlich geantwortet, weil ich davon überzeugt bin, dass Sie eine ehrliche Antwort auf die Fragen suchen, die Sie und Ihre Bekannten umtreiben.
Mit besten Wünschen und freundlichen Grüßen
Dr. Daniel K. [ed.]